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Unsere Schätze, unsere Geschichten

15. August 2019 Kein Kommentar

Unsere Schätze, unsere Geschichten

15. August 2019 Katharina 4 Min. Lesezeit Kein Kommentar

Für andere ist es er ein normaler Karton, für sie ist er der Beweis für ihre Stärke und Liebe. Denn darin hatte sie ihre Sachen gepackt und war zu ihm gezogen.

Sensibility, aus der Serie ‚Kindred Spirits‘,
Suzanne Jongmans, © Suzanne Jongmans

Für andere ist es eine Folie, für ihn ist es ein Schutz. Denn unter dieser Folie hatten sie sich beide verborgen, als das große Gewitter kam und sie zusammenschweißte.

Nicht Recyclen, sondern Upcyclen

Kartons und Folien, mit diesen scheinbaren belanglosen Gegenständen passiert etwas bestimmtes. Unsere Gefühle, unsere Phantasie, unsere Erinnerungen werten können sie auf. Wir ‚recyclen‘ sie nicht, sondern wir ‚upcyclen‘ sie.

Doch es bleibt nicht nur beim ‚Upcyclen‘. Sondern wir erschaffen uns damit Geschichten, Geschichten, die uns ausmachen. Wir finden sie in den Fotografien von Suzanne Jongmans.

Schützende Verpackungen

Present, aus der Serie ‚Kindred Spirits‘,
Suzanne Jongmans, © Suzanne Jongmans

In ‚Present‘ umfängt ein Schleier eine Frau und ihr kleines Kind. Doch etwas ist merkwürdig: Der Schleier besteht nicht aus Stoff, sondern aus Verpackungsmaterial. Aber es wird nicht ein Objekt verpackt, sondern Mutter und Kind werden beschützt.

Das Verpackungsmaterial wird aufgewertet. Fänden wir es auf der Straße, würden wir es nicht beachten. Hier sehen wir das schöne weiße Material, das sich sanft beschützend um Mutter und Kind legt.

Ein Zuhause für uns

Wenn wir den Begriff ‚Home‘ hören, denken die meisten von uns an einen Ort, ein Haus, oder auch an einen Menschen, bei dem man sich zuhause fühlt.

Beides finden wir in der gleichnamigen Fotografie. Allerdings besteht hier das Dach aus Polsterfolie. Unter ihr verbergen sich zwei kniende Frauen.

Wir kennen diese Folie aus Paketen, in denen etwas besonders Wertvolles nicht nur geschützt, sondern auch gepolstert wird. Ein doppelter Schutz. Genau diese Funktion erfüllt die Folie hier auch. Sie schirmt das Paar ab und sorgt mit seiner Polsterung dafür: Keiner kann sie von außen verletzen.

Die ruhende Pusteblume

Wir sehen in Suzanne Jongmans Fotografien aufgewertete Materialien. Sie sind keine beliebigen Gegenstände, sondern individuelle Schätze. Das gilt auch für kleine Wunder aus der Natur. In ‚Lightness of Being‘ hält die Frau eine Pusteblume in der Hand. Alles ist ganz ruhig in dem Bild. Auch wenn sich ein Umhang aus Ton über die Schultern der Frau legt, so scheint sie sein Gewicht nicht zu spüren. Wie das leichte weiße Hemd darunter, ist ihr Gesicht ganz friedlich. Sie denkt nach, sie träumt.

Und die Pusteblume erzählt uns, wie sie sich fühlt, leicht, frei und vielleicht auch etwas verletzlich. In dem Stilllleben ‚Hold on‘ sind alle Personen verschwunden, nur noch die Pusteblumen bleiben. Aber sie erzählen unsere Geschichten. Sie gruppieren sich, entfernen sich wieder voneinander. Wer weiß, wen der nächste Windhauch zusammenführt und trennt.

Sprechende Gegenstände

In unserem Interview erwähnt Suzanne Jongmans davon, dass Materialien und Gegenstände zu ihr sprechen. Dies gibt sie in ihren Fotografien wider. Vielleicht erinnert uns das an andere Werke aus der Kunstgeschichte. In niederländischen Stillleben aus dem 17. Jahrhundert werden Objekte auch aufgewertet und erzählen uns etwas. Da sind unteranderem der Totenschädel und die ausgegangene Kerze – sie erinnern uns an die verstreichende Zeit, an unsere Vergänglichkeit.

Oder denken wir an sogenannte Trompe l’oeils, Augentäuschungen. Sie geben vor, dass sich Gegenstände bei uns im Raum befinden, obwohl sie eigentlich aufgemalt sind. Ein zurückgeschlagener Vorhang und Briefe sind plötzlich mehr, sie lassen uns neugierig auf die Geschichte dahinter werden: Wer hat den Vorhang beiseite geschoben und möchte uns die Briefe zeigen?

Unsere Schatzgeschichten

Holding Space,
Suzanne Jongmans, © Suzanne Jongmans

Bei Suzanne Jongmans wird jedoch nicht nur der Vorhang beiseite geschoben. Sondern wir begegnen Materialien, die wir kaum beachten würden. Als aufgewertete Objekte gehören sie genau zu den dargestellten Personen, sie erzählen ihre Geschichte. Es ist die Verpackungsfolie von Mutter und Kind, die sie beschützt. Es ist das Luftpolster das Frauenpaares, das sie behaust. Es ist die Pusteblume der Frau, die ihre Leichtigkeit ausdrückt.

Gegenstände gehören zu uns, wir werten sie auf und wir schreiben mit ihnen unsere Geschichten. Wie schön, wenn sie wie bei Suzanne Jongmans festgehalten werden. Dann erinnern wir uns auch an unsere aufgewerteten Schätze und Schatzgeschichten.

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